Gerhard Winkler

Published on 15. November 2013

Winkler__GerhardEs ist ja kaum zu glauben: Gerhard Winklers Werkverzeichnis ist ein dickes Buch mit 532 Seiten, beginnend mit der Nummer 1 – einem kleinen Lied, das Winkler im Alter von sieben Jahren kindlich naiv niederschrieb, betitelt „An meinen Buchfink“. Es endet mit der Werknummer 1059 „Valse Tanja“ aus dem Jahr 1973, seiner Enkelin gewidmet. Das sind nur die datierten Titel. Hinzu kommen rund 350 undatierte Werke. Eine wirklich rekordverdächtige Leistung, denn darunter sind viele Melodien, die im wahrsten Sinne des Wortes „hinaus in die Welt“ gezogen sind.

Gerhard Winkler war ein Berliner Kind – genauer gesagt aus Rixdorf, heute Neukölln, damals noch gutbürgerliche Vorstadt. Am 12. September 1906 erblickt er das Licht der Welt, und die Eltern setzen alles daran, die frühzeitig sichtbar werdende musikalische Begabung ihres Sprößlings zu fördern.

Der junge Gerhard verfügt über eine schöne Knabensopranstimme. Mit zehn Jahren wird er Mitglied des Chores in der Neuköllner Christuskirche und später darf er sogar mit dem renommierten Berliner Hof- und Domchor auf eine Tournee durch die Schweiz gehen – eine große Sache, denn die Lebensverhältnisse sind am Ende des ersten Weltkrieges auch in Berlin alles andere als rosig.

1922 immatrikuliert er sich am Engler‘schen Konservatorium, nebenher arbeitet er im Musikverlag Robert Rühle und außerdem wird seine kammermusikalische Suite „Im Maien“ in der Aula des Askanischen Gymnasiums aufgeführt.

Die Lehr- und Wanderjahre beginnen. Winkler selbst hat sie später als seine schönste Zeit bezeichnet.

Als Pianist in verschiedenen Orchestern tingelt er durch Deutschland bis zum Ostseebad Binz auf Rügen. Er komponiert, arrangiert, kann 1933 seine ersten Titel bei der Schallplatte unterbringen, bis 1936 ein Berliner Kreuzworträtselverleger Winklers „Neapolitanisches Ständchen“ druckt. Es ist das dritte Konzertstück einer Serie, die er als „Klänge aus aller Welt“ bezeichnet. Das „Neapolitanische Ständchen“ schlägt alle Rekorde.

Gerhard Winkler in die italienisch-folkloristische Schublade zu stecken wäre jedoch grundverkehrt. Sein musikalisches Gesamtwerk bietet erstaunliche Überraschungen. Da gibt es Operetten – hauptsächlich in den 50er Jahren wie „Premiere in Mailand“ oder „Die ideale Geliebte“, musikalische Lustspiele wie „Herzkönig“, das 1946 als einer der ersten deutschen Nachkriegsfilme auch in die Kinos kam, Salonmusik und regelrechten Bigband-Swing.

War Gerhard Winkler schon vor 1945 kein Unbekannter, so ist sein Name seit den „Capri-Fischern“ in aller Munde. Lange Jahre ist er Deutschlands meistgespielter Unterhaltungskomponist, wie die Statistiken der GEMA – das ist die „Gesellschaft für musikalisches Aufführungsrecht“ eindrucksvoll belegen. Wer nun glaubt, eine Fernsehshow wie „Traumhochzeit“ sei die clevere Erfindung eines privaten TV-Senders, der irrt. Mittlerweile werden gerade die alten Shows wiederholt, und Paare, die längst wieder geschieden sind, geben sich hier im Fernsehen noch einmal das Jawort. – Alles schon mal da gewesen, nur nicht im Fernsehen sondern im Rundfunk. „Das ideale Brautpaar“ hieß eine der erfolgreichsten Sendereihen, die der damalige Nordwestdeutsche Rundfunk regelmäßig ausstrahlte, ein richtiger Straßenfeger, der von Jacques Königstein moderiert wurde.

Ein bekannter Musikwissenschaftler hat einmal geschrieben, Gerhard Winkler habe „Musik für aller Gattung Leute geschrieben“, das trifft den Nagel auf den Kopf. Viele seiner Werke sind so bekannt, daß man darüber den Namen ihres Komponisten vergessen hat. Aber das ist eigentlich – so merkwürdig es klingt – das größte Kompliment, das man einem Schöpfer der leichten Muse machen kann.

Gerhard Winkler war zweimal verheiratet und hat aus zweiter Ehe den Sohn Hans Andreas, der heute in Potsdam seinen künstlerischen Nachlass verwaltet. Winkler lebte überwiegend in Berlin und Oberbayern, er starb 1977 in seinem Ferienhaus auf dem Bremberg bei Kempten an den Folgen einer Lungenentzündung.


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